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Fastnacht: “Zu viel Meenz geht nicht”


Andreas und Matthias Bockius lieben ihr Städtchen. Der eine Radio-Moderator und Stadionsprecher, der andere Ministeriumssprecher, an Fastnacht sagt das Mainzer Brüder-Duo: Nehmt euch nicht zu ernst.

“Am Aschermittwoch ist alles vorbei”, sang einst Jupp Schmitz. Jahrzehnte später trifft das auf die Mainzer Fastnachter Andreas und Matthias Bockius nicht ganz zu. Für sie ist nach einer langen Kampagne schon am Tag nach Rosenmontag Schluss – danach gehe nichts mehr. 

“Mein Aschermittwoch ist der Dienstag”, sagt Andreas Bockius, der seit mehr als zehn Jahren mit seinem Bruder Matthias als “Duo DobbelBock” über närrische Bühnen tourt. Der 39 Jahre alte Andreas mit langem blondem Bart ist im normalen Leben Moderater beim Radiosender Antenne Mainz und Stadionsprecher des Fußball-Bundesligisten Mainz 05. 

Sein fünf Jahre älterer Bruder Matthias mit eher unauffälliger Kurzhaarfrisur ist Sprecher des rheinland-pfälzischen Innenministers Michael Ebling (SPD), einem weiteren Mainzer mit einem Faible für die Fastnacht. Was durchaus helfe, Job und Bühnen-Hobby zusammenzukriegen, wie Matthias Bockius erzählt. 

Das Duo hat stimmungsgeladene, aber auch ernstere, ruhigere Lieder. Da ist der in der Pandemie entstandene Song “Alles wieder gut”, mit dem die Brüder in der düsteren Corona-Zeit Zuversicht verbreiten wollten oder die rheinhessische Liebeserklärung “Du bist mein Schobbe”. Der Schobbe wird in Mainz aus einer Schobbe-Stang getrunken und fasst 0,4 Liter, wie Andreas Bockius sagt – gerne gefüllt mit Wein und Sprudelwasser.

Wichtig sei ihnen, mit ihrem Programm nicht nur den Mainstream zu bedienen, sie bauen Überraschendes ein. Ein Lied müsse nicht “durchklatschbar” sein, sagen sie. Das Tempo darf also gerne auch mal variieren. Auch Rap-Passagen finden sich in Songs voller Mundart. “Wir wollen nicht, dass der Dialekt ausstirbt”, sagt Matthias Bockius. 

Förderer Mainzer Liedguts

Und sie möchten Mainzer Fastnachtsliedgut fördern. Als sie angefangen hätten, sei kaum Neues entstanden, erinnern sie sich. Mittlerweile habe sich das geändert. In Köln sei alles größer, dort werde mehr Geld in die dazugehörige Musik gesteckt, hochprofessionelle Bands seien am Start – im Gegensatz zur ehrenamtlich geprägten Mainzer Szene. “Aber es hat sich eine Menge getan, wir haben Potenzial, müssen uns nicht verstecken”, sagt Matthias Bockius. 

In aller Regel und vor allem in Mainz selbst kommen die Lieder gut an. Doch die beiden kennen auch maue Stimmung, wie sie sagen. Sie sprechen von Auftritten, “wo man mal dotzt”. 

Passiert ist das mal in der Nähe von Frankfurt, erinnert sich Andreas Bockius. Dort – inmitten von Eintracht-Frankfurt-Land – sei er als Stadionsprecher des Rivalen Mainz 05 angekündigt worden. “Erst kamen Buhrufe, dann wurde es ganz still, nur ein paar Mädchen haben weitergefeiert.”

Ihr Vater hielt einst Büttenreden im Ingelheimer Stadtteil Frei-Weinheim, die schauten sie sich auf VHS-Kassetten an – damit fing alles an. Irgendwann standen sie selbst auf der Bühne, schließlich wurden Fastnachter aus Mainz auf sie aufmerksam, es folgten Auftritte etwa in der Rheingoldhalle und im Kurfürstlichen Schloss bei der Fernsehsitzung “Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht” – meist in weißen Hemden samt Hosenträgern. 

“Mainz bleibt Mainz” ist das Allergrößte

Bei “Mainz bleibt Mainz” dabei zu sein, sei für sie das Allergrößte, sagen beide unisono. “Mehr geht nicht. Bei einem Millionenpublikum denkst du: Das muss alles funktionieren, ach du Scheiße”, sagt Andreas Bockius. Er und sein Bruder sind mit der traditionsreichen Fernsehsitzung am Freitag vor Rosenmontag groß geworden. “Jetzt mit dabei zu sein, ist verrückt.” Auch dieses Jahr werden sie wieder Teil der Fernsehfastnacht sein. 

Egal ob Kurfürstliches Schloss oder Weinstuben-Auftritt – “Lampenfieber ist immer mit dabei”, sagen beide, wobei sich Matthias Bockius als der Nervösere bezeichnet, bis sich dann auf der Bühne alles löse. “Ich hüpfe dann immer hoch und runter, dann ist es schnell weg.” 

Die beiden verstehen sich schon seit der Kindheit prächtig. Sie hätten sich nie gestritten, was sie denn im Fernsehen schauen wollen, erzählt Andreas Bockius. Und sie hätten auch denselben Humor, ergänzt sein Bruder. “Wir haben immer viel Zeit miteinander verbracht.” Im Fernsehen geschaut wurden früher zum Beispiel gerne Filme mit Bud Spencer und Terence Hill, dazu gab es bei den beiden getreu den Vorbildern eine Pfanne mit Bohnen. 

Für Matthias Bockius, der sich in seinem früheren Job als Sprecher des Mainzer Polizeipräsidiums und in seiner aktuellen Rolle im Innenministerium oft mit ernsten Themen auseinandersetzen muss, ist das Leichte der Fastnacht wichtig. “Es ist das komplette Abschalten und eine andere Welt.” Es gehe darum, nie den Humor zu verlieren. 

Aus seinem ernsthaften Job nehme er mit, was die Menschen bewege und beschäftige, sagt er. “Das nimmst du auf und versuchst, den Leuten irgendwie ein bisschen Freude zu bringen.” 

Absage des Umzugs oder Abstieg – beides kein Weltuntergang

Und wenn sie einem Menschen, der ganz weit von der Fastnacht entfernt ist – sagen wir einem Flensburger – erklären müssten, was deren Faszination ausmacht? “Ich glaube, dass es tatsächlich dieses Gemeinschaftsgefühl ist, gemeinsam Spaß zu haben”, sagt Andreas Bockius. “Natürlich in einer ganz eigenen Meenzer Bubble, die nicht zerplatzt und trotzdem weltoffen ist zu allen Seiten.” Über allem stehe die Botschaft: Nehmt euch alle nicht zu ernst. 

Beide Brüder waren auch schon mal länger weg von Mainz, über den Tellerrand hinauszuschauen finden sie wichtig. “Vielleicht weiß man es dann mehr zu schätzen, was hier ist”, sagt Andreas Bockius. Auf Dauer sollte es dann eben doch Mainz bleiben. Und: “Zu viel Meenz geht nicht.”

Und was wäre das schlimmere Szenario für den 39-Jährigen? Eine Absage eines Rosenmontagsumzugs oder ein Bundesligaabstieg von Mainz 05? “Bei den 05ern kann man sagen: Die Jungs schaffen es eh wieder hoch. Und beim Rosenmontagszug kann man sagen: Wir haben den auch schon mal im Sommer wiederholt.” Beides tue weh, aber davon gehe die Welt nicht unter.




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Publish date : 2025-02-26 08:45:00

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