Der Chef der Thüringer AfD, Björn Höcke erklärte alle Westdeutschen zu „deutsch sprechenden Amerikanern“. Ein Blick auf die deutsche Geschichte zeigt einen dunklen Trend auf.
Die AfD ist eine Partei mit eingebautem Selbstzerstörungstrieb. Sie leistet sich fast täglich rhetorische Entgleisungen, mit denen sie sich selbst ins Knie schießt. Das jüngste Beispiel: Björn Höcke erklärte alle Westdeutschen kategorisch zu „deutsch sprechenden Amerikanern“. Damit beleidigt er mal eben rund 85 Prozent des Wahlvolks. Ein politisches Eigentor im XXL‑Format.
Aber Höckes Spruch ist mehr als nur der Ausrutscher eines Rechtsaußen. Als ausgebildeter Geschichtslehrer, der bis 2014 in diesem Beruf tätig war, greift er bewusst einen sehr alten Impuls auf. Seit Jahrhunderten gibt es hierzulande den Trend, ein dunkles Gegenbild aufzubauen, damit wir uns als Deutsche besser über uns selbst fühlen können.
Mal war es Rom, das historisch als Unterdrücker der Freiheit der Germanen galt. Danach waren es „die Juden“, dann die Angelsachsen und heute sind es die Amerikaner. Immer geht es im deutschen Nationalismus gegen den Kapitalismus, Kosmopolitismus und überhaupt die Moderne. Im Hintergrund ertönt immer das gleiche Lied: Wir Deutsche sind tiefsinnig, sauber und geerdet. Die anderen sind oberflächlich, geldgierig und verdorben.
Luther: Der erste deutsche Wutbürger
Am Anfang dieser sehr spezifisch deutschen Geschichte steht kein amerikanischer Präsident, sondern ein Mönch: Martin Luther. Der hatte übrigens wie Höcke heute auch eine enge biografische Beziehung zu Thüringen. Allerdings konnte Luther kein Antiamerikaner sein, denn die USA gab es im 16. Jahrhundert noch gar nicht.
Luther schuf einen Blick auf Geld, Kapital und Handel, der Deutschland noch bis heute prägt. Seine Tiraden gegen Wucher, Zins und Kaufmannsgeist beschreiben ein tiefes Misstrauen gegen eine Welt, in der die Rechenkunst und Verträge dabei sind, wichtiger zu werden als Glauben, Vertrauen und Tradition.
Dieses verzerrte Denken, das auf einer großen Unsicherheit der eigenen Nation gründet, sollte im 20. Jahrhundert mit dem Holocaust verheerende Folgen haben.
Deutsche Kultur gegen westliche Zivilisation?
Wie aber lässt sich Höckes Publikumsbeschimpfung verstehen, der ja alle Westdeutschen zu Amerikanern erklärt?
Dazu muss man für einen Moment ins 19. Jahrhundert zurückgehen, als es in Deutschland Mode war, zwischen der deutschen „Kultur“, die dem Wahren, Schönen und Guten gewidmet war, und der abstrusen „Zivilisation“ zu unterscheiden.
Diese arg verzerrte Beschreibung zielte auf den Westen: Frankreich, England und überhaupt die „Angelsachsen“, also inklusive der USA, die sich vermeintlich bedenken- und seelenlos der Oberflächlichkeit, Technikbesessenheit und Geschäftemeierei hingaben.
Nach 1945: Alte Gefühle suchen neues Ziel
Nach 1945 sind offene antisemitische Codes verbannt, das deutsche Unbehagen an der deutschen Rolle in der Welt aber bleibt. Um den alten Ressentiment‑Reflex dennoch zu bedienen, sucht sich Höcke einen neuen Adressaten – die Vereinigten Staaten.
Amerika bietet ihm alles, was er für sein altes deutsches Drehbuch benötigt: Kapitalismus pur, militärische Übermacht, Dominanz seiner Popkultur, eine liberale Gesellschaft – und obendrein Siegermacht- und Besatzerattitüden.
Die Vorwürfe sind aus altdeutsch-antirömischen Zeiten bekannt, nur die Kulisse ist neu: Geldgier, samt moralischer Bigotterie und kultureller Kolonisierung.
Höcke will den Antiamerikanismus geopolitisch aufladen: Deutschland als Mittler zwischen Ost und West.
In diesem Streben ähnelt er einer beträchtlichen Anzahl von Stimmen im linken Lager der deutschen Politik, inklusive in der SPD. Selbst Helmut Kohl pflegte gern sein besonderes Gefühl für das „russische Wesen“.
Der alte Gegensatz von deutscher „Kultur“, die wegen angeblicher Seelenverwandtschaft russlandfreundlich ist, und westlicher „Zivilisation“, die angeblich England, Frankreich und die USA prägt, bekommt so ein neues Bühnenbild.
Deutschland inszeniert sich als die kluge Mitte – über den Dingen stehend und moralisch überlegen. Die USA – und zwar in den Augen Höckes die vor Trump – werden auf den Negativ‑Kontrast reduziert. Russland erlebt dadurch eine Wiederauferstehung als den Deutschen seelenverwandter Gegenpol zur „Westzivilisation“.
Höcke heute: Alter Plot, neue Zielscheibe
Wenn Höcke also Westdeutsche als „deutsch sprechende Amerikaner“ abkanzelt, sagt er damit: Das „eigentliche Deutschland“ liegt nicht im liberalen, transatlantisch vernetzten Westen, sondern in einem imaginierten Kernland, in dem Volk, Raum und Geschichte noch „in Ordnung“ sind.
„Deutsch sprechend“ wird in dieser Denke bewusst als Verdachtsmoment diffamiert. Das gilt, um im unsäglichen Sprachbild der AfD zu bleiben, selbst für „Bio-(West-)Deutsche. Wer „nur“ Deutsch spricht, gehört nicht zum deutschen Volk dazu, weil er das ureigentlich Deutsche am deutschen Wesen nicht versteht.
Sprache wird so zur Tarnung von etwas angeblich Diabolischem – ein Motiv, das aus der Geschichte des Antisemitismus nur allzu vertraut ist. Neu ist höchstens, dass sich der Schlag dieses Mal gegen die eigene Bevölkerung richtet.
Spaltung verläuft heute mitten durch Republik
Höckes Satz kein „Ausrutscher“. Es ist immer die gleiche Geschichte: Das wahre Eigene (also Deutsche) soll durch die bewusste Niedrigmachung bzw. Verachtung eines angeblich verdorbenen Anderen seelisch und politisch gerettet werden.
Neu ist, dass Höcke diesen Kampf nicht mehr nach außen, sondern mitten in unsere Republik hineinzieht. „Amerika“ ist in diesem Drama nur noch Kulisse. Die entscheidende Grenzlinie verläuft quer durch unser Land.
Die Pointe ist ebenso bitter wie einfach: In der deutschen Wut auf Amerika geht es längst nicht mehr um die USA. Es geht darum, wer hierzulande noch als „wirklich deutsch“ gelten darf.
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Author : Stephan-Götz Richter
Publish date : 2026-06-15 17:54:00
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