In der Pisa-Studie schneidet Deutschland schlechter ab als je zuvor. Dahinter steckt ein veraltetes Schulsystem, das soziale Ungerechtigkeit zementiert, statt sie zu durchbrechen.
Deutschland hat bei der Bildungsstudie Pisa, dem internationalen Vergleich der Leistungen der 15-Jährigen weltweit, noch nie so schlechte Ergebnisse erzielt wie bei der aktuellen Untersuchung. In sämtlichen getesteten Bereichen ist der Anteil der leistungsschwachen Schüler und Schülerinnen gestiegen: in Mathematik, Lesekompetenz und Naturwissenschaften. Damit setzt sich der negative Trend der letzten zehn Jahre fort.
Dabei kann es nur ein schwacher Trost sein, dass sich die Leistungen aller Schülerinnen und Schüler weltweit verschlechtert haben.
Die gute Nachricht ist: Die Kinder in Deutschland sind neugierig, sogar etwas neugieriger als ihre Mitschüler weltweit. Sie sind auch bereit, sich anzustrengen. Sie wollen also lernen. Das sind doch mal gute Pisa-Ergebnisse, Erkenntnisse, die uns Erwachsene anspornen sollten, den Kindern hierzulande bessere Lernbedingungen zu bieten.
Denn wir verspielen nicht nur die Zukunft der Mädchen und Jungen, die jetzt zur Schule gehen, weil wir sie nicht ausreichend auf ihr Leben vorbereiten, sie unzureichend in eine Welt von Krisen und Kriegen entlassen. Wir verspielen auch die Chancen für alle auf eine bessere Zukunft in diesem Land.
Zentrale Ergebnisse von Pisa
Bei Pisa wird kein Faktenwissen abgefragt, sondern getestet, wie gut die 15-Jährigen das Gelernte anwenden können. Dabei zeigt die Untersuchung vor allem zwei Entwicklungen auf, die uns Erwachsene aufrütteln sollten, denn auf ihnen bauen alle weiteren schlechten Ergebnisse auf:
1.) Die Fähigkeit, lesen zu können, nimmt weiter ab. Das ist keine bildungsbürgerliche, akademisch abgehobene Diskussion. Es geht nicht darum, ob Mädchen und Jungen Schiller und Goethe in der Schule lesen, sondern darum, ob sie kapieren, was da geschrieben steht.
32 Prozent erreichen nicht die Pisa‑Kompetenzstufe zwei. Sie gilt als Mindestniveau, das Jugendliche erreichen sollten, um an einer modernen Gesellschaft teilhaben zu können. Das bedeutet, 32 Prozent der 15-Jährigen in Deutschland sind nicht in der Lage, die Hauptaussage eines mittellangen Textes zu verstehen und einfache Verknüpfungen zwischen Textteilen herzustellen. Dieser Anteil lag bei der letzten Pisa-Auswertung noch bei 25 Prozent.
Lesen wird immer wichtiger
Lesen ist eine Schlüsselkompetenz, die Grundlage für alles weitere Lernen. Und sie wird immer wichtiger! Wischen und Klicken reichen nicht. Eine schlechte Lesefähigkeit wirkt sich auf alle Bereiche des Lebens aus. Wer nicht lesen kann, kann Formulare nicht richtig ausfüllen, Preise für den Mobilfunkvertrag nicht vergleichen, sich über die Programme der Parteien, die zur Wahl stehen, nicht informieren. Echt oder Fake: Wie soll man das beurteilen, wenn man nicht richtig lesen kann?
Informationen filtern und bewerten, Verbindungen zwischen Quellen herstellen und kritisch reflektieren können – das sind Grundvoraussetzungen, um im Zeitalter von KI bestehen zu können. Vor allem, da laut eigenen Angaben jeder zweite Schüler in Deutschland im Laufe einer Woche mindestens einmal mithilfe eines Chatbots lernt.
Trösten darf uns dabei nicht, dass sich der Anteil der Mädchen und Jungen, die Texte hastig überfliegen und dann schnelle, aber falsche Schlüsse ziehen, zwischen 2018 und 2025 weltweit fast verdoppelt hat. Oder dass Deutschland bei der Lesekompetenz im Durchschnitt aller 91 teilnehmenden Länder liegt.
In Mathematik sehen die Leistungen der deutschen Mädchen und Jungen nicht besser aus.
Schulerfolg hängt vom Elternhaus ab
2.) Wieder einmal zeigt Pisa: In kaum einem wohlhabenden Land hängt der Bildungserfolg so sehr vom Elternhaus ab wie in Deutschland. Die Schule schafft es nicht, die sozialen Unterschiede auszugleichen. In kaum einem der Industriestaaten ist der Leistungsabstand zwischen privilegierten und benachteiligten Mädchen und Jungen derart hoch – besonders in den Naturwissenschaften. Selbst in den USA nicht.
Jetzt wie immer nach mehr Geld für die Bildung zu schreien, bringt nicht viel. Denn die Pisa-Studie zeigt auch, dass die Welt sich nicht mehr teilt in reiche Länder mit hohem Bildungsniveau und arme mit niedrigem. So gibt etwa Luxemburg pro Kopf für seine Kinder zwar am meisten aus (288.521 Dollar pro Kind). Trotzdem schneiden Irland, Frankreich oder Italien bei den Naturwissenschaften besser ab, obwohl sie nur etwa die Hälfte pro Schüler investieren. Das Volksvermögen erkläre nur die Hälfte der Leistungsunterschiede zwischen den Ländern, schreiben die Autoren der Pisa‑Studie. Eine gute Bildungspolitik und kluge Entscheidungen bei den Ausgaben seien wesentlich bessere Variablen für die Vorhersage.
Deutschland muss seine Hausaufgaben machen und sein Bildungssystem, dessen Grundzüge aus dem Ende des 19. Jahrhunderts stammen, von Grund auf reformieren. Denn ein gerechtes Bildungssystem ist die Grundlage für alles: eine prosperierende Wirtschaft, den Zusammenhalt unserer Gesellschaft und eine funktionierende Demokratie.
Wo bleibt die deutsche Strategie, damit hierzulande endlich alle richtig flüssig lesen können?
Wann stellen wir uns endlich der Tatsache, dass unser Schulsystem ungerecht ist?
Und wie sorgen wir dafür, dass jedes Mädchen und jeder Junge ihre oder seine Talente entfalten kann?
Source link : https://www.stern.de/politik/deutschland/pisa-studie–deutschland-muss-sein-bildungssystem-komplett-reformieren-38217286.html
Author : Catrin Boldebuck
Publish date : 2026-09-08 08:54:00
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