Bärenglocken sollen Wanderer vor gefährlichen Begegnungen mit den Tieren schützen. Doch der vermeintliche Warnton schreckt Bären nicht immer ab – im Gegenteil.
Für den Fall einer Bärenbegegnung gibt es im Englischen einen schönen Merkspruch: „If it’s black – fight back, if it’s brown – lay down, if it’s white – say good night“. Er bedeutet so viel wie: Schwarzbären sind harmlos, Braunbären gefährlich und Eisbären tödlich. Zwei der drei Arten kommen in Europa nicht vor, nur der Braunbär ist hier heimisch. Einem Exemplar beim Wandern über den Weg zu laufen, kann also durchaus vorkommen.
Grundsätzlich sind Braunbären eher scheu, aber wenn sie sich bedroht fühlen oder plötzlich auf Menschen treffen, können sie gefährlich werden. Vorsichtige Gemüter befestigen deshalb eine kleine Glocke am Rucksack. Sie soll die Tiere rechtzeitig auf die menschliche Anwesenheit aufmerksam machen.
Verschreckt die Glocke nun Bären oder nicht?
Die Idee klingt einleuchtend: Wer sich in einem Bärengebiet durch Geräusche bemerkbar macht, verhindert im besten Fall eine böse Begegnung. Das regelmäßige Klingeln soll dem Tier signalisieren: „Hier kommt ein Mensch.“ Der Bär hat dadurch Gelegenheit, sich zurückzuziehen, bevor es zu einem Aufeinandertreffen kommt.
Lange galt die Bärenglocke als bewährtes Mittel. Eine Studie aus dem US‑amerikanischen Glacier-Nationalpark schien ihre Wirksamkeit zu bestätigen. Bei der Auswertung der dort registrierten Bärenangriffe stellten die Wissenschaftler fest, dass nur Menschen ohne Glocke attackiert worden waren. Dieses Ergebnis trug dazu bei, dass sich die Glöckchen unter Wanderern verbreiteten.
Seit der Untersuchung sind fast 50 Jahre vergangen und mittlerweile wird die Erkenntnis angezweifelt. Manche Bärenexperten etwa glauben nicht, dass das Klingeln Bären grundsätzlich abschreckt. Im Gegenteil: Neugierige Tiere könnten sich dem Geräusch sogar nähern, um seine Quelle zu untersuchen. Die Glocke würde dann nicht warnen, sondern Aufmerksamkeit erregen.
Wenn das Nutzvieh bimmelt, lockt es Bären an
Auch das Südtiroler Wildtiermanagement weist auf mögliche Probleme hin. In Regionen mit Viehwirtschaft könnten Bären das Läuten mit Nutztieren und damit mit potenzieller Nahrung verbinden. Außerdem komme es auf den Klang an: Viele Bärenglocken erzeugen einen hohen, feinen Ton, der an Vogelgezwitscher oder andere natürliche Waldgeräusche erinnert. Der Bär erkennt darin möglicherweise kein eindeutiges Warnsignal und nimmt das Geräusch lediglich als Teil der Umgebung wahr.
Die Idee, dass Menschen in Bärengebieten hörbar sein und Überraschungsbegegnungen vermeiden sollten, mag stimmen – aber auf die Glocke allein sollte man sich nicht verlassen. Sie kann bestenfalls ein zusätzliches Hilfsmittel sein – kein verlässlicher Schutz und schon gar keine Garantie für Sicherheit.
Source link : https://www.stern.de/reise/wann-ein-gloeckchen-am-rucksack-beim-wandern-eine-gute-idee-sein-kann-38239284.html
Author : Niels Kruse
Publish date : 2026-09-14 16:14:00
Copyright for syndicated content belongs to the linked Source.