Nach einem schlimmen Wahlsonntag für die Bundesregierung gaben sich CDU und SPD bei Caren Miosga auf einmal versöhnlich.
Im Bemühen um die beste Metapher des Wahlabends versucht es Robin Alexander mit Holzklötzen. Der Politikjournalist und Unionserklärer ruft das Bild des „Jenga-Turms“ auf: Die Reformpläne, auf die sich die schwarz-rote Koalition im Sommer geeinigt hatte, seien nämlich wie die Holzklötze in jenem Geschicklichkeitsspiel. „Wenn wir ein Ding rausziehen, fällt das alles um.“
Bei Caren Miosga reden sie, wieder einmal, über den Rentenstreit in der Bundesregierung. Gerade, als man gähnend abschalten will, weil sich die Runde im mittlerweile wohlbekannten Kreis dreht (Die SPD blockiert! Die CDU muss auf Kurs bleiben!), sagt das CDU-Präsidiumsmitglied Mathias Middelberg einen Satz, der aufhorchen lässt: „Dieses Paket besteht aus 33 Punkten, davon ist die Rente mit 63 genau einer. Jetzt werden wir einen Tor tun, dass wir uns jetzt wegen eines Punktes verstreiten. Das werden wir irgendwie geregelt kriegen.“
Moment mal. Wie bitte?
Landtagswahlnachlese im ARD-Abendprogramm
Ob Middelberg nun eigentlich „einen Teufel“ oder „kein Tor sein“ sagen wollte: Die Botschaft saß. Ende Juni hatte die Rentenkommission der Bundesregierung 33 Empfehlungen ausgesprochen. Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) nannte die Vorschläge ein „Gesamtkunstwerk“, der Kanzler sprach von einer „großen Chance“.
Empfehlung Nummer sechs war von Anfang an heikel: die Abschaffung der abschlagsfreien Rente mit 63 für langjährig Versicherte. So richtig brach der Streit darüber aber erst nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt aus. Seitdem stehen Union und SPD am Rand einer Regierungskrise. Und in dieser Lage sendet Middelberg bei Miosga das Signal: Man kann doch über alles reden.
Nun spricht Middelberg weder für das gesamte Unionspräsidium noch für die Bundestagsfraktion, auch wenn er beiden Gremien angehört. Und die Fraktion, merkt der Journalist Alexander an, sei schließlich das zweite „Machtzentrum“ in der Union, das der Kanzler nach den CDU-Ministerpräsidenten hinter sich bringen müsse. Man muss kein Schwarzmaler sein, um angesichts der düsteren Umstände ein Scheitern der Regierung weiter in Betracht zu ziehen. Und doch hört man an diesem Abend bei Miosga einen Sound, den man kaum noch für möglich hielt.
Plötzlich versöhnliche Töne
In der Runde hatte es zuvor bereits Tim Klüssendorf, als SPD-Generalsekretär eigentlich qua Amt Draufhauer, diplomatisch probiert: „Bei der Rente haben wir einen sehr, sehr guten Vorschlag.“ Mit Blick auf die Rente mit 63 gebe es eben „Gesprächsbedarf“, wenngleich ihm bewusst sei, „dass da eine Finanzierungslücke ist“.
„Jetzt fallen Sie um, das ist so traurig“, raunzt Alexander den Generalsekretär dafür an und erinnert an Bärbel Bas‘ „Gesamtkunstwerk“-Aussage aus dem Juni. CDU-Mann Middelberg erklärt derweil, er hätte keine Probleme damit, das Reformpaket „buchstabengetreu umzusetzen. Aber wir werden alle Punkte im Gesetzgebungsverfahren sachlich miteinander besprechen.“
An dieser Stelle hat man kurz Sorge, als nächstes könnte Alexander selbst umkippen ob seiner sichtbaren Fassungslosigkeit über die Annäherung, die sich da vor seinen Augen abspielt. Aber er sitzt glücklicherweise sicher im grauen Polsterstuhl.
Robin Alexander missfällt so viel Harmonie
Beim Jenga ist es ja nun aber so: Ein fehlender Klotz muss den Turm nicht immer zum Einsturz bringen. Vorausgesetzt, die anderen Klötze sind stark genug.
Middelberg gelingt an diesem Abend das bemerkenswerte Kunststück, in die „größte Krise“ (Alexander) der CDU ein Fünkchen Licht zu bringen. „Wir haben richtig gute Projekte auf der Bahn, und darüber müssen wir verdammt noch mal reden.“
Eine Koalition, die ihre eigenen Ideen nicht zerredet, sondern lobt – damit hat selbst Moderatorin Caren Miosga offenbar nicht gerechnet. Entsprechend fehl am Platz wirkt im zweiten Teil der Sendung ein Einspieler zu einem AfD-Strategiepapier, in dem die Partei einen Plan zur Spaltung von Union und SPD darlegt. Mitentworfen hat das Papier Beatrix von Storch.
Ach ja, die war am Sonntagabend auch noch zu Gast.
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Author : Alexander Schreiber
Publish date : 2026-09-21 01:35:00
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