Die Ukraine drängt im Donbas die Russen zurück. Wie ist ihnen das gelungen? Und könnte daraus sogar eine große Gegenoffensive entstehen?
176 Quadratkilometer, so behauptete die ukrainische Armee im September, habe sie im Zuge der mehrmonatigen Militäroffensive mit dem Namen „Vivaldi“ im Donbas befreit. „Die Ukrainer versuchen, wo es geht, Boden gut zu machen“, sagt der Sicherheitsexperte Christian Mölling in der neuen Folge des stern-Podcasts „Die Lage International.“ Es gehe nicht allein um den Geländegewinn, der nicht besonders eindrucksvoll sei, sondern darum, dass es sich um einen strategisch wichtigen Teil des Donbas handle, so Mölling, Senior Advisor beim Brüsseler Think Tank European PolicyCenter. „Es geht hier um den Festungsgürtel im Donbas, der immer stärker unter Druck gerät durch die Russen. Und hier hat man es tatsächlich geschafft, Gelände gut zu machen.“
Interessant sei an dem Beispiel zudem, dass die militärischen Erfolge dort durch „eine Kombination unterschiedlicher Waffensysteme“ erzielt worden seien. „Dabei sind Drohnen zum Einsatz gekommen als auch gepanzerte Fahrzeuge. Das ist insofern besonders, als dass das in den letzten Wochen und Monaten ja gar nicht funktioniert hat“, so Mölling. Das Beispiel zeige jedoch: „Wenn man alles gut miteinander koordiniert und plant, dann kann man tatsächlich mit Bewegung auch Gelände gut machen.“
Russland hält 20 Prozent des ukrainischen Territoriums besetzt. Den Donbas, also die beiden Gebiete Luhansk und Donezk, hat Russland seit 2022 bis auf die Umgebung der Stadt Kramatorsk erobert.
Die Russen sehen, was die Ukraine macht – und werden es auch so versuchen
Mölling glaubt jedoch nicht, dass daraus eine größere erfolgreiche Gegenoffensive der Ukrainer erwachsen könne. „Das ist ein Einzelfall, aus dem man noch nicht ableiten kann, dass deutlich mehr herauskommt“, so Mölling. Denn es gelte, dass die Russen „ja auch sehen, was die Ukrainer machen, und probieren das möglicherweise auch aus.“ Laut Mölling planten die Russen zurzeit eine Offensive für den Herbst, bei der sie ähnlich wie jetzt die Ukrainer wieder gepanzerte Fahrzeuge einsetzen wollen.
Die Operation „Vivaldi“ sei aber moralisch wichtig und gut für die Ukrainer, sie zeige, dass man nicht nur Gelände halten könne, sondern dass es auch möglich sei, Terrain zurückzuerobern, wenn man viel Zeit investiere.
Russischer Brief an Nato „Ablenkungsmanöver“
Den Brief, den Russland Ende September im Hinblick auf die Situation um die russische Exklave Kaliningrad an die Nato geschickt hat, bewertet Mölling als „Ablenkungsmanöver“. Die schriftliche Warnung des Kreml: Sollten die Nato-Staaten versuchen, die russische Exklave Kaliningrad zu isolieren, werde Russland „das gesamte ihm zur Verfügung stehende Arsenal an Streitkräften und Fähigkeiten, einschließlich Atomwaffen“ nutzen, um sich dagegen zu wehren.
„Es gibt keine Offensivpläne der Nato gegen Kaliningrad“, so Mölling. Richtig sei jedoch: „Im Falle eines russischen Angriffs wird die Nato versuchen, Kaliningrad relativ schnell auszuschalten. Denn die Exklave ist eine Art unsinkbarer Flugzeugträger mitten im Nato‑Gebiet. Dadurch hat Russland erstmal einen Vorteil.“
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Author : Moritz Gathmann
Publish date : 2026-10-01 16:33:00
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